Warum verschläft die Landesregierung die Digitalisierung der Schulen?

Zu viele Schulen in NRW sind nicht dafür ausgestattet, digital zu lehren. Die Corona-Pandemie offenbart diese Schwächen und damit auch das eklatante Versagen der schwarz-gelben Landesregierung. [...] Werden Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer im Stich gelassen? Oder woran scheitert die Digitalisierung an den nordrhein-westfälischen Schulen, wenn doch genügend Geld zur Verfügung steht? 

Während in anderen Bereichen Geräte mittels künstlicher Intelligenz kommunizieren, müssen Lehrer*innen mancherorts in NRW für das Distanz- Lernen weiterhin Arbeitsblätter ausdrucken und verschicken, um ihre Schüler*innen mit Unterrichtsmaterial zu versorgen. Zu viele Schulen in NRW sind nicht dafür ausgestattet, digital zu lehren. Die Corona-Pandemie offenbart diese Schwächen und damit auch das eklatante Versagen der schwarz-gelben Landesregierung.

Mit Investitionsprogrammen wie dem “Digitalpakt Schule 2020” des Bundes oder dem Programm “Gute Schule 2020” der damaligen Landesregierung unter Hannelore Kraft sind in NRW mehrere Milliarden Euro für die Digitalisierung der Schulen vorhanden.[1] Dieses Geld muss jetzt aber auch ausgegeben werden. Denn obwohl so viel Geld abrufbereit ist, bewerten die Schulleiter*innen die schulische digitale Ausstattung in Nordrhein-Westfalen mit einer unbefriedigenden Schulnote von 3,8.[2]

Werden Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer im Stich gelassen? Oder woran scheitert die Digitalisierung an den nordrhein-westfälischen Schulen, wenn doch genügend Geld zur Verfügung steht?

Eine Bestandsaufnahme:

Man könnte es so sehen: Früher gehörte zu einer gut ausgestatteten Schule in jedes Klassenzimmer eine Tafel, die in der Regel von einem spezialisierten Unternehmen geliefert wurde. Niemand wäre auf die Idee gekommen, Schulleitungen anzuweisen, diese Tafel selbst mithilfe einiger Kollegen*innen an der Wand zu montieren. Genauso wenig, wie man sie gefragt hätte, ob sie beim Bau der Schule tatkräftig mithelfen können. Aber genau das wird gerade vom Schulpersonal im Bereich der Digitalisierung gefordert. Anstatt die technische Umsetzung durch spezialisierte Unternehmen durchführen zu lassen, werden Schulleiter*innen in diesem komplexen Bereich allein gelassen.

Das sieht so aus: Bevor Schulen auf die oben beschriebenen Gelder zugreifen können, müssen sie gemeinsam mit ihren Schulträgern ein individuelles technisch-pädagogisches Einsatzkonzept (TPEK) auf Grundlage eines Medienkonzepts entwickeln. Dabei handelt es sich um ein zeitintensives Unterfangen, da hier haargenau begründet werden muss, wofür welches Gerät verwendet werden soll und welche didaktischen Konzepte bei der Anwendung der Geräte umgesetzt werden.

Ja, in Zeiten der Digitalisierung ist es vertretbar, dass sich die Arbeitsanforderungen auch an schulisches Handeln ändern. Nicht vertretbar ist allerdings, dass die bisherigen Arbeitsanforderungen an Schulpersonal genau gleich bleiben und ohne Entlastungen weitere hinzukommen. Angesichts der Corona-Pandemie, des Mangels an Lehrerkräften und einer steigenden Heterogenität in Klassen sind Schulleitungen bereits umfassend gefordert. Eine Frechheit ist es, ihnen allen zusätzlich die Aufgabe aufzubürden, jeweils individuelle Medienkonzepte selbst zu erstellen und damit die Digitalisierung der Schulen nahezu alleine voranzubringen. Eine gelungene Schulpolitik würde für Entlastung sorgen und nicht weitere Aufgaben finden. Da momentan Gegenteiliges geschieht, wird der Digitalisierungsprozess unerträglich verlangsamt.

Die Erstellung von Medienkonzepten ist das eine. Sie sollte keineswegs individuelle Aufgabe der Schulen sein, sondern von externen Expert*innen übernommen werden. Diese könnten wesentlich effizienter Bedarfe ermitteln und so die Digitalisierung voranbringen. Einer dieser Expert*innen ist Klaus Klemm, emeritierter Professor für Bildungswissenschaften an der Universität Duisburg Essen, der zum anderen aber auch eine umfassendere technische Ausstattung fordert: „Wenn wir ernsthaft von Digitalisierung sprechen möchten, braucht jeder in der Schule ein Gerät“[3]. Momentan haben rund 30 Schüler*innen Zugriff auf einen einzigen Laptop. Dieses Verhältnis darf nicht unser Anspruch an eine digitale Schule sein!

Auch unter dem Aspekt der sozialen Gerechtigkeit und der Chancengleichheit muss dieser Beschaffungsvorgang unbedingt beschleunigt werden. Denn einige finanziell schlecht gestellte Schüler*innen sind aufgrund mangelnder technischer Ausstattung beim Distanz-Lernen digital gar nicht zu erreichen und müssen analog mit den eingangs erwähnten Arbeitsblättern versorgt werden, berichten Schulleiter. Diese Schüler*innen sind gegenüber wirtschaftlich besser gestellten Klassenkamerad*innen benachteiligt. Ein Problem, das vor allem in sozialen Brennpunkten besteht. Teilweise verfügen hier sogar ganze Klassen über keine technische Ausstattung für das Distanz-Lernen. Hier besteht dringender Handlungsbedarf.

Schulen brauchen jetzt die Leihgeräte, damit sich die Bildungschancen für Betroffene in Corona-Zeiten nicht noch weiter verschlechtern. Aber auch wo es bereits Leihgeräte gibt, existieren konkrete Probleme: Schüler*innen brauchen für die Endgeräte eine Haftpflichtversicherung, haben aber oftmals keine. An diesen ganz konkreten Problemen scheitert die Digitalisierung momentan. Eine entschiedene Landesregierung würde nicht nur Geld für Endgeräte zur Verfügung stellen, sondern auch die Versicherungskosten sowie die Kosten für Support und Ersatz veralteter oder kaputter Geräte übernehmen.

Die oben genannten Medienkonzepte und die technische Ausstattung von Schulen und Schülern mit Tablets oder Laptops ist die Basis für einen erfolgreichen Digitalisierungsprozess – die Arbeit ist damit aber mitnichten getan. Es bedarf einer umfassenden digitalen Infrastruktur der Schule, die eine gute Nutzbarkeit der technischen Geräte garantiert. Aus Gesprächen mit Schulleiter*innen ergeben sich hier vier sehr konkrete Unterstützungsbedarfe und Handlungsfelder:

  1. Netzwerke

Nur jede dritte Schulen in NRW ist mit einem Glasfaseranschluss ausgestattet (Stand Oktober 2020).[4]

Das ist peinlich – die Landesregierung verfehlt damit ihre selbst gesteckten Ziele eklatant. Wie soll an Schulen interaktives, partnerschaftliches und effizientes Arbeiten mit Tablets oder mit Laptops funktionieren, wenn viele Schulen nur über langsames oder gar kein Internet verfügen? Ein Betrieb, der heutzutage über keinen funktionierenden Internetanschluss verfügt, könnte sofort Konkurs anmelden.

  1. Lernplattformen

Zur umfassenden Ausstattung gehört auch eine einheitliche Lernplattform für das Cloud-basierte Arbeiten. In NRW ist die neue, einheitliche Plattform Logineo Mitte Dezember direkt am ersten Tag der erneuten Schulschließung wegen Überlastung zusammengebrochen.[5] Die Landesdatenschutzbeauftragte warnt sogar vor der Nutzung. 2015 hat die rot-grüne Landesregierung das Projekt initiiert. Die Nachfolgeregierung aus CDU und FDP hat die Umsetzung erst verschlafen und gibt den Schulen jetzt in großer Hektik ein nicht ausgereiftes Instrument an die Hand.

  1. Fortbildungen

Auch beim Einsatz der neuen technischen Geräte, dürfen Lehrer*innen nicht im Stich gelassen werden. Es bräuchte viel mehr Fortbildung dazu als bislang angeboten. Denn der richtige Einsatz neuer Medien im Unterricht ist eine Kompetenz, die erlernt werden muss. Für welche Arbeits- und Lernformen ist der Einsatz digitaler Medien sinnvoll? Und wie können Methodik und Didaktik miteinander in Einklang gebracht werden? Das sind einige der Fragen, denen sich Lehrer*innen tagtäglich stellen müssen. Dafür reichen die bisherigen Schulungen und Fortbildungsmaßnahmen einfach nicht aus.

  1. Technischer Support

Laut einer Umfrage des WDR findet mehr als die Hälfte der Zeit die Wartung und Einrichtung der technischen Ausstattung in der Freizeit der Lehrer*innen statt. Das wundert nicht. Denn es steht jeder Grundschule für die Einrichtung der medialen Ausstattung nur eine einzelne Entlastungsstunde pro Woche zu. Das heißt übersetzt: Für die gesamte Schule hat ein einzelner Lehrer innerhalb einer Woche nur 45 Minuten Zeit, um sich um Einrichtung und Instandhaltung digitaler Geräte zu kümmern. Das liegt daran, dass der “Digitalpakt Schule 2020” kein Budget für Support und Administration vorsieht. So kann die Digitalisierung der Schulen nicht funktionieren, hier muss dringend nachgebessert werden.

Mehr Entlastungsstunden für die zuständigen Lehrer*innen wären wichtig, damit eine intensivere Einarbeitung gelingen kann. Zudem bräuchten Lehrer*innen einen direkten professionellen Ansprechpartner, der sie fundiert und kompetent unterstützen kann.

Fazit:

Die Digitalisierung der Schulen hakt momentan an allen Ecken und Enden. Anstatt einen Mehrwert für alle Beteiligten zu schaffen und effizienteres Arbeiten zu ermöglichen, führt sie zu erheblichem Mehraufwand. Damit Schulpersonal und Schüler*innen nicht weiter allein gelassen werden, bedarf es zentral und allgemeingültiger Medienkonzepte, einer umfassenden technischen Ausstattung sowie Infrastruktur und im Anschluss der zielgerichteten Unterstützung durch Expert*innen, um den Lehrkräften Arbeit abzunehmen und die Digitalisierung zu beschleunigen. Dabei müssen bürokratische Hürden abgebaut werden, damit die vorhandenen Gelder schneller abgerufen werden können. Die Zeit drängt. Denn Corona hat uns gezeigt, wie sehr wir auf eine moderne Schule angewiesen sind, die alle Schüler*innen mitnehmen kann.

 

 

[1] https://www.schulministerium.nrw.de/themen/schulpolitik/digitalpakt

[2] https://www1.wdr.de/nachrichten/schulen-digitalisierung-umfrage-schulleiter-schueler-100.html

[3] https://www.tagesschau.de/inland/schulen-nrw-101.html

[4] https://www1.wdr.de/nachrichten/digitalisierung-schulen-umfrage-kommunen-100~_page-2.html

[5] https://www.sueddeutsche.de/politik/homeschooling-bitte-warten-1.5152658.

Eine Antwort zu “Warum verschläft die Landesregierung die Digitalisierung der Schulen?”

  1. Philipp Lourenco sagt:

    Es sind alles richtige Punkte die hier geschrieben worden sind. Allerdings sollten nicht die Lehrer für den technischen Support zuständig sein, dies sollte eher durch eine Informatische Fachkraft erfolgen. Denn wenn im Unterricht ein Programm oder ein System nicht funktioniert, kann die zuständige Lehrkraft nicht einfach aus dem Unterricht heraus agieren. Mit einer angestellten Fachkraft im Support, hätte man eine Person die nicht unterrichtet immer im Hintergrund, die bei Problemen eingreifen kann.

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