Von solidarischem und unsolidarischem Verhalten: Was uns Corona über Mensch und Gesellschaft lehrt

Symbolbild (pixabay.com)

Krisenzeiten, so heißt es landläufig, offenbarten die besten und die schlechtesten Eigenschaften der Menschen. Katastrophenfilme und negative Utopien in der Literatur (Dystopien) legen sie bloß. Spannend daran ist, dass es sich bei diesen Eigenschaften im Kern nicht um persönliche Charaktereigenschaften im eigentlichen Sinne handelt, also zum Beispiel um Treue, Maßhaltung oder Höflichkeit, sondern um Eigenschaften, die nur im gesellschaftlichen Kontext ihre Bedeutung gewinnen. Denn die schlechtesten und besten Eigenschaften, die sich in Katastrophenfilmen, der Literatur oder in der Corona-Krise offenbaren, handeln von Solidarität. Das COVID-19-Virus hat uns einige Erkenntnisse über solidarisches Verhalten erlaubt, die auch auf die politische Agenda der nächsten Jahre gehören.

 

Auf der einen Seite Hamsterkäufe von Toilettenpapier, Nudeln und Mehl sowie Großkonzerne, die die Miete prellen wollen, auf der anderen Seite Nachbarschafts- und Einkaufshilfen, Unterstützung für den lokalen Handel oder Vermieter, die freiwillig auf Miete verzichten. Die einen feiern Corona-Partys, die anderen halten sich auch ohne Verbote an die Empfehlungen von Experten und öffentlichen Stellen. Selten war es vermeintlich so einfach, Verhalten in „gut“ und „schlecht“ zu trennen wie während der Corona-Krise, genauer gesagt: solidarisches von unsolidarischem Verhalten. Corona hat uns gezeigt, wie sehr wir alle aufeinander angewiesen sind; auf ein Miteinander und ein Füreinander.

 

Kant und der Hamster

Denn jede dieser Verhaltensweisen begehen – und werten – wir während Krisenzeiten implizit auf einer gesellschaftlichen Folie. Wer in ´normalen´ Zeiten 100 Rollen Klopapier kauft, den mögen wir (zumindest in den westlichen Überflussgesellschaften) als Spinner bezeichnen, sein Verhalten aber nicht moralisch verurteilen. Wer in ´normalen´ Zeiten einem Obdachlosen einen Euro schenkt, weil dieser eine Mensch ihn dauert, begeht eine gute, caritative Tat. Anders in Krisenzeiten: Aus dem caritativen wird im Wissen um das dahinterliegende gesellschaftliche Problem ein solidarischer Akt, und aus der Hortung von Klopapier wird ein unsolidarisches „Hamstern“ (nicht umsonst benutzen wir eine Tiermetapher).

In der Krise offenbaren sich also nicht nur die besten und schlechtesten – oder zumindest gute und schlechte – Eigenschaften der Menschen, sondern auch das Wesen unserer Gesellschaft. Und zwar unter existenziellen Rahmenbedingungen, was mithin die Frage nach politischer Gestaltung aufwirft, worunter gleichermaßen das Ziel zu fassen ist, wie die Frage nach vorhandenen moralisch notwendigen Gestaltungsspielräumen und der moralisch vertretbaren konkreten Umsetzung.

Wir müssen nicht einmal auf den kategorischen Imperativ Immanuel Kants [1] zurückgreifen, um die Erkenntnisse, die wir aus der Corona-Krise jetzt schon gewinnen können, in politische Fragen zu übersetzen.

 

Selbstbestimmung stärken, Freiheit sichern

Wenn die Beobachtung stimmt, dass sich die überwiegende Mehrheit der Menschen solidarisch und vernünftig verhält, dann zeigt das nicht nur, wie stark Solidarität als praktizierter moralischer Wert in unserer Gesellschaft verankert ist, sondern wirft auch die Frage auf, wann es überhaupt eines politischen Eingriffs bedarf.

Abstrakt formuliert kann das Ziel nur heißen, die Menschen zu selbstbestimmter, eigenverantwortlicher Solidarität zu ermuntern und solidarisches Verhalten zu belohnen, unsolidarisches Verhalten aber erst dann zu ahnden oder gar durch Verbote und Strafen zu unterbinden, wenn daraus ein großer, unwiederbringlicher Schaden für die Gesamtheit entsteht. Konkret: solange durch mangelnde Hygiene keine (Supra-) Epidemie droht, bedarf es keiner staatlichen Klopapier-Zuteilung.

Die vornehmste Aufgabe der Politik besteht dann in der Wahl der richtigen, appellierenden Worte, um solidarisches Verhalten zu fördern, wie Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bundeskanzlerin Angela Merkel dies mit ihren Ansprachen getan haben [2].

Wenn Pflegeeinrichtungen oder Wohneinrichtungen für Menschen mit Behinderung jedoch keine medizinischen Schutzmasken mehr erhalten oder sie nicht mehr bezahlen können [3], weil Wucherer die Preise um über 3.000 Prozent (!) binnen weniger Tage erhöht haben [4], dann sind Menschenleben bedroht, die einen solchen Eingriff nicht nur möglich machen, sondern moralisch geboten erscheinen lassen.

 

Solidarität mit Solidarberufen

Und dann bedarf es eines starken Staates, der unter Beachtung der im Grundgesetz verankerten Grundrechte, nach meinem Dafürhalten massiv eingreifen darf und muss. Damit nämlich sichern der Staat und seine Akteure erst die Freiheit, auf der selbstbestimmte Solidarität überhaupt möglich ist. Wenn Pflegekräfte nicht mehr geschützt sind, kann niemand solidarisches Verhalten von ihnen einfordern. In anderen Worten: Solidarität mit älteren Menschen oder Menschen mit Behinderung kann zur existenziellen und damit moralischen Verpflichtung werden, die Freiheit solidarisch einzuschränken.

Die angeblichen „Gesetze“ des Marktes jedenfalls (die weder Naturgesetze darstellen noch normative Geltung haben) sind kein Maßstab wider solche Eingriffe. Eine 3.000-prozentige Preiserhöhung mag einer Marktlogik genügen, nie jedoch einer gesellschaftlich akzeptablen.

Übrigens gilt auch der umgekehrte Fall: Existenzielle Probleme wie das Fehlen medizinischer Schutzmasken bedürfen ebenso eines Eingriffs wie diejenigen den Staat brauchen, die unsere Existenz sichern, weil sie in Solidarberufen arbeiten.

Wenn uns Corona noch eine letzte Erkenntnis geschenkt hat, dann diese: Die Gesellschaft schuldet den Beschäftigten in Solidarberufen praktizierte Solidarität. Und das heißt: eine ordentliche Bezahlung und bessere Arbeitsbedingungen.

Dafür lohnt dann vielleicht doch der Blick in Immanuel Kants „Kritik der praktischen Vernunft“.

 

 

[1] „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“, (Immanuel Kant, Kritik der praktischen Vernunft, zitiert nach Gesammelte Schriften, AA IV, 421)
[2] Videoansprachen des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier am 16. und 26. März 2020 (siehe: http://www.bundespraesident.de/DE/Bundespraesident/Reden-und-Interviews/Reden/reden-node.html;jsessionid=4EBF5F115533F2890E602B36A011EC1D.1_cid371), Fernsehansprache von Bundeskanzlerin Angela Merken am 18.03.2020 und Audio-Podcast vom 28. 03.2020 (https://www.bundeskanzlerin.de/bkin-de/aktuelles/70298!search?formState=eNptjsEKwjAQRH9F9txDDYjYm1jv6h-s6SYE0kSTrVpK_92NUrx4mx3mzewEHTJdMFjK0EywrdVOFWFS7KEJg_cVcPyqea7AoCYuUdE3tC4guxgKkeJT_PWmgsyYuEjJRGMy8dJ0HyiNy-Gj_sDnf-a-vzpunVQFTdCAqkEGE-V8fFDgg3xt4w_LsSwCvQpz8zhS10pk1VHWAuohJaFOaKVLzW9pmlUa&page=1)
[3] Siehe https://www.sueddeutsche.de/politik/gesundheitspolitik-coronavirus-menschen-mit-behinderung-1.4860711
[4] Von 0,45 Euro je FFP2 Schutzmarke Mitte Februar auf 13,52 Euro am 27.2., zitiert nach https://www.tagesschau.de/inland/masken-coronavirus-101.html (30.03.2020)

 

 

Zum Autor | Sebastian Hartmann ist Landesvorsitzender der SPD in Nordrhein-Westfalen und gehört seit 2013 dem Deutschen Bundestag an. Dort ist er Mitglied im Innenausschuss.

Kontakt: kontakt@nullsebastian-hartmann.de

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